Otto Dix, Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey, 1924

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Das Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey zählt unangefochten zu den Hauptwerken von Otto Dix. Die veristische Darstellung gilt zu Recht als Inkunabel der Porträtkunst der Neusachlichkeit in der Weimarer Republik. Für Düsseldorf und das Rheinland ist das Gemälde von besonderer Bedeutung, denn diesem Meisterwerk kommt der Rang eines zeithistorischen Dokuments zu, aus dem die Stellung Düsseldorfs als innovativer Kunststadt zwischen den beiden Weltkriegen für die Nachwelt erkennbar wird.

Das Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey entstand 1924, im dritten Jahr von Dix’ Düsseldorfer Zeit, die von 1922 bis 1925 andauerte. Johanna Ey (1864–1947), die von den Künstlern „Mutter Ey“ genannt wurde, stammte aus einfachen Verhältnissen. Um sich und ihren Kindern den Lebensunterhalt zu sichern, führte sie zunächst eine Bäckerei im Zentrum der Stadt. In der Nähe von Theater, Oper und Akademie gelegen, wurde das Ladenlokal zum Treffpunkt von Künstlern aus unterschiedlichen Sparten. 1916 gab Ey den Laden auf und eröffnete eine Kunsthandlung mit umfassender Ausstellungstätigkeit sowie diversen publizistischen Aktivitäten. Die Bedeutung, die Johanna Ey für die Kunstszene Düsseldorfs besaß, spiegelt sich in zahlreichen Porträts, die von ihr entstanden.

Otto Dix stand mit Johanna Ey ab Juli 1920 in Kontakt. Der mittellose Künstler hatte einige Zeichnungen von Dresden nach Düsseldorf geschickt, die die Händlerin bald verkaufen konnte. Dix’ erster Besuch bei ihr fand im Herbst 1921 statt. Im folgenden Jahr entschloß er sich, Eys Einladung nach Düsseldorf zu folgen. Maßgeblich für die Entscheidung waren die Beziehungen zur Künstlergruppe „Das Junge Rheinland“ mit ihren Protagonisten Gert Wollheim, Otto Pankok, Arthur Kaufmann und Adolf Uzarski.

Das Porträt von Mutter Ey verkörpert den mütterlich-resoluten Typ in der Dixschen Galerie menschlicher Originale und reiht sich ein in eine Folge herausragender Bildnisse, die – neben dem Radierzyklus Der Krieg, 1923/24 – im Zentrum von Dix’ Düsseldorfer Aktivitäten standen. Den Auftrag zu ihrem Bildnis erteilte Johanna Ey unmittelbar nach dem Verkauf von Dix’ Bild Meine Eltern I (1921) an das Wallraf-Richartz-Museum in Köln (heute Öffentliche Kunstsammlung, Kunstmuseum Basel), der zu ihren größten händlerischen Erfolgen zählte.

Mit viel Sympathie und Dankbarkeit für seine Wohltäterin setzt Dix ihr mit dem Gemälde ein gebührendes Denkmal. Er greift auf Farben und Requisiten des klassischen Herrscherbildnisses zurück und stellt die mollige Kunsthändlerin in Violett mit Krone, Pelzbesatz und wallendem roten Vorhang dar – eine standfeste Säule im hektischen Kunstbetrieb der 1920er Jahre. Nur die verkrampften plumpen Finger und der erschrocken stiere Blick markieren die Widersprüchlichkeit des Gefüges. Die Diskrepanz zwischen der robusten Lebensnähe der Porträtierten, die sich in der Wiedergabe von Gesicht und Händen vermittelt, und ihrer theatralisch-machtvollen Attitüde ist das wesentliche Wirkungsmoment und zeichnen Dix als den scharfsichtigen Menschenmaler aus, als der er in den folgenden Berliner Jahren Berühmtheit erlangte.

Dix verdankt seinen Ruf als Maler der sogenannten Neuen Sachlichkeit vor allem seinen pointierten Menschendarstellungen. Anders als sein Zeitgenosse George Grosz war er nicht an einer Typisierung der Dargestellten in gesellschaftlichen Klassenstrukturen interessiert. Dix erfaßte mit detailgenauem Pinselstrich bei jedem seiner Modelle zumeist einen einzigen ausdrucksstarken Aspekt, der sich für die karikierende Überzeichnung eignete. Die psychologische Schärfe seiner Bildnisse resultiert aus der Überzeugung, daß die äußere Erscheinung aus der inneren, seelischen Verfassung eines Menschen hervorgeht. So wird in anderen Bildnissen des Künstlers die Journalistin Sylvia von Harden zum Inbegriff der emanzipierten Intellektuellen, die Tänzerin Anita Berber zur Verkörperung des abgelebten Vamps.

Durch den glücklichen Erwerb der langjährigen Dauerleihgabe des Bildnisses der Kunsthändlerin Johanna Ey konnte eine empfindliche Lücke im sonst hervorragend besetzen Bereich der Klassischen Moderne in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen geschlossen werden.

Dr. Anette Kruszynski