Evangeliar der Liesborner Äbtissin Berthild,
10./11. Jahrhundert

Museum Abtei Liesborn, Wadersloh

Für das Museum Abtei Liesborn konnte mit Sponsorenhilfe im Frühjahr 2017 das ca. 1000 Jahre alte Evangeliar des ehemaligen Kanonissinnenstiftes Liesborn zurück erworben werden.

Der Codex stammt aus dem Kanonissenstift Liesborn, das um 750-800 im Bistum Münster gegründet wurde und bis zum Jahr 1130 bestand. Das nachfolgende Benediktinerkloster wurde 1803 säkularisiert und das Evangeliar gemeinsam mit der Klosterbibliothek veräußert.

Eine Widmung erwähnt Berthild, „die Mutter der frommen Dienerinnen“ als Stifterin des Codex. Vermutlich war Berthild die Schwester des Münsteraner Bischofs Hermann I. Als Äbtissin stand sie dem Liesborner Frauenkonvent im 11. Jahrhundert vor.

Das Evangeliar wurde im 10./ 11. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum, wohl in einem rheinischen Skriptorium, von drei Schreibern in karolingischer Minuskel verfasst. Die Handschrift verfügt heute über 340 Seiten im Format 30 cm x 23 cm. Die ursprüngliche Seitengröße des Buchblocks betrug vermutlich 36 cm x 27 cm.

Herzstück des Liesborner Codex sind die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Dem umfangreichen Textblock sind dreizehn Seiten mit Kanontafeln vorangestellt, auf denen die Parallelstellen der vier Evangelientexte zur leichteren Nutzung ausgewiesen sind. Die Vorderseite des ersten Blattes des Evangeliars nimmt ein wohl im 12. Jahrhundert entstandenes kreisförmiges Pater-Noster-Diagramm ein. Auf der Rückseite dieses Blattes befindet sich der in Hexametern verfasste Erinnerungsvers der Berthild und das letzte Blatt des Codex trägt ein Kolophon mit der Nennung des dritten Schreibers Gerwardus Diaconus.

Der farbig gefasste hölzerne Buchdeckel - wohl im 15. Jahrhundert im Liesborner Kloster ergänzt - weist ein Relief der Kreuzigungsszene und die Evangelistensymbole auf. Er ersetzt einen womöglich verloren gegangenen älteren Bucheinband.

Nach einer langen Reise ist das Evangeliar der Liesborner Äbtissin Berthild nun an seinen ursprünglichen Bestimmungsort zurückgekehrt. Die Heimkehr der Handschrift ist Anlass, das Museum inhaltlich neu auszurichten. Mit der künftigen Präsentation des Evangeliars der Äbtissin Berthild und der Geschichte der Abtei Liesborn kehren wir zu den Wurzeln unserer Identität zurück.

Dr. Elisabeth Schwarm