Handschriften-Miniatur nach Diebstahl zurück in Hildesheim

Dombibliothek Hildesheim

Die Miniatur stammt aus der Handschrift HS J 26 der Dombibliothek Hildesheim. Es handelt sich dabei um ein mit überragendem Buchschmuck ausgestattetes Psalterium aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts mit einigen handschriftlichen Ergänzungen aus dem 15. Jahrhundert. Die Handschrift gehört zur thüringisch-sächsischen Malschule und entstand möglicherweise in Goslar, vermutlich aber in Hildesheim selbst. Die Federzeichnung eines Engels auf dem Vorderdeckel der Handschrift wird als St. Michael gedeutet, und aufgrund der Heiligenfeste des Kalenders wird die Handschrift mit dem Hildesheimer Kloster St. Michael als Entstehungs- oder zumindest Bestimmungsort in Verbindung gebracht.

Aus der Handschrift HS J 26 wurden schon im 19. Jahrhundert einige Einzelblätter entfernt. Die vorliegende Miniatur ist allerdings ein Verlust der Dombibliothek Hildesheim, der auf das Ende der 1970er Jahre zurückgeht. Der Diebstahl, inzwischen verjährt, trägt Spuren eines in dieser Zeit aktiven und für seine Raubzüge bekannten Antiquars. Das herausgeschnittene Blatt mit seiner für die Konzeption und den Bildschmuck zentralen Kreuzigungsdarstellung gelangte in den Handel und konnte mit Hilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung zurückerworben werden.

Das dargestellte Kreuzigungsbild auf Goldgrund ist stark von byzantinischen Vorbildern geprägt. Dies wird insbesondere in der Darstellung des Corpus Christi deutlich, ebenso in der Figur des Longinus mit der Lanze in der rechten Gruppe. In der Gruppe links im Bild sind, eher ungewöhnlich, Maria, Johannes und Magdalena zusammengefasst. Am Fuße des Kreuzes ist angedeutet der Schädel Adams auf Golgatha als „Schädelhöhe“ zu sehen. Über dem Kreuz findet man eine weibliche Figur, die als trauernde Ekklesia oder als Personifikation Jerusalems gedeutet wird. Darunter sind Sonne und Mond abgebildet, ganz entsprechend der biblischen Erzählung von der Himmelserscheinung beim Tod Christi ( Mt 27,45; Mk 15,33; Lk 23,44).

Im kunstwissenschaftlichen Diskurs, insbesondere zur thüringisch-sächsischen Malschule, findet die Handschrift immer wieder Aufmerksamkeit, welches die kontinuierliche wissenschaftliche Beschäftigung in der Fachliteratur zeigt. Dies gilt vor allem, weil die Handschrift im Rahmen der zeitgenössischen Produktion der Malschule durch ihren ausgeprägten Bildschmuck eine herausragende Stellung beanspruchen darf.

Jochen Bepler

Abbildung: Ganzseitige Miniatur mit Kreuzigungsdarstellung, Handschrift HS J 26, 2. Hälfte 13. Jahrhundert, Pergament, 20 cm x 14,5 cm.