Stachelig schön

Kunstmuseen der Stadt Erfurt, Angermuseum

In der Eigenart und artistischen Qualität seiner ans Phantastische streifenden Realistik steht der Thüringer Otto Schön bekannteren Vertretern der Neuen Sachlichkeit wie Alexander Kanoldt oder Christian Schad in nichts nach. 1934 ist er Preisträger der Deutschen Albrecht Dürer-Stiftung der Stadt Nürnberg. Durch Plünderung seines Hauses werden bei Kriegsende viele Arbeiten zerstört. Seine Bilder sind selten.

Wir sehen ein Blumenfenster, das die Mitte hält zwischen der klassischen Stillleben-Disposition bildparallel aufgereihter Gegenstände vor unbestimmtem Hintergrund und der Ausweitung zum Interieur. Ein zur Bildebene schräg geführtes Schiebefenster begrenzt die Binnenräumlichkeit des aufsichtigen Vordergrundes mit eng gestellten Sukkulenten. Sie erhalten Licht vom Fenster rechts, dessen helle Laibungskante den Bildrand markiert. Während vor dem Schiebefenster zusammen mit hochstämmigen Kakteen blühender Goldlack in mehreren Trieben aufwächst, zeigt sich hinter der Scheibe ein Ensemble topfartiger Gefäße und nah der Mittelvertikale eine blaue Kanne sowie, vom oberen Bildrand überschnitten, eine bläulich dunkelgrüne Begonie. Um die Kanne und in der Dunkelzone am oberen Rand wird der milchige Reflex des Fensterglases sichtbar. Ein akribisch konzipiertes Virtuosenstück – nicht nur in der malerischen Behandlung der Kakteen!

Deren Aufsichtigkeit wird aufsteigend in frontale Ansicht überführt, wodurch überstarke Nähe des Motivs und bildhafter Abstand in Spannung geraten. Aus der leisen Unruhe solcher räumlichen Diskontinuität resultiert das magische Eigenleben der Dinge, wie wir es aus Kindermärchen kennen, in denen die traumbeseelte Lebendigkeit stumme Gegenstände zu Handlungsträgern macht. Das Mysterium stillen Austauschs (dem das vielstimmige bläuliche Farbecho der Kakteen entspricht) wird verstärkt durch die von zwei Goldlacktrieben eingerahmte Kanne – womit ein Bildmotiv der Barockzeit von reicher geistlicher Symbolik zu neuer Anwendung kommt. Es handelt sich um ein profaniertes Kartuschenmotiv, wie wir es von vielen der Andacht dienenden Blumenstücken flämischer Maler kennen, deren Blütenkränze etwa ein Bild der Muttergottes mit dem Kind oder den Kelch mit konsekrierter Hostie im Strahlenkranz umschließen. Solche Bezüge sind nicht mehr direkt ikonographisch, aber noch mittelbar ikonisch präsent; sie gehören zur Latenz des Bildsinns, ohne ihn zu definieren.

Dr. Wolfram Morath-Vogel

Abbildung: Otto Schön: Goldlack mit Kakteen, 1930,Öl auf Leinwand, 71,5 cm x 53 cm.