Goldene Preismedaillen für die Firma Siemens gehen ans Deutsche Historische Museum Berlin

Deutsches Historisches Museum Berlin

Ein Ensemble von 15 Gold-, Silber und – Bronzemedaillen konnte durch Vermittlung und Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung von einer Auktion zurückgezogen und im Direktkauf vom Deutschen Historischen Museum erworben werden. Das wertvolle Medaillenensemble stammt von einem der Gründungsväter der Firma, Karl Wilhelm Siemens, dem jüngeren Bruder Werner von Siemens. und ist nicht nur für die allgemeine Industrie- und Wirtschaftsgeschichte im deutschen Kaiserreich bedeutend, sondern erinnert an die ersten internationalen Erfolge eines der heute weltweit führenden Konzerne der Elektrotechnik und Elektronik. Die 15 wertvollen Preismedaillen des erfolgreichen Unternehmers Karl Wilhelm Siemens werden in der neuen Dauerausstellung des Museums präsentiert.

Der Unternehmer und Forscher Sir William Siemens

Karl Wilhelm Siemens (1823-1883) trug durch sein Engagement in England wesentlich dazu bei, die Firma Siemens auf den internationalen Märkten zu etablieren. 1858 wurde die Londoner Agentur Siemens & Halske, die Karl Wilhelm seit ihrer Gründung 1850 geleitet hatte, für die Herstellung und Verlegung von telegrafischen Seekabeln in das selbstständige Unternehmen Siemens, Halske & Co. umgewandelt. Mit erfolgreichen Kabelverlegungen im Mittelmeer gelang der Durchbruch auf dem englischen Telegrafenmarkt, der eine wesentliche Voraussetzung war, die nationalstaatlichen Interessen Englands weltweit durchzusetzen. Das Ansehen des deutschen Anbieters wurde vor allem durch die spektakulären Legungen der Linien Konstantinopel–Chios–Candia, Syra–Chios, Candia–Alexandria sowie einer Teilstrecke der Telegrafenlinie nach Indien durch das Rote und das Indische Meer gefestigt. Dank dieser Erfolge konnte Siemens, Halske & Co. 1863 eine eigene Kabelfabrik in Woolwich bei London eröffnen und emanzipierte sich so von Qualität und Preisen der Zulieferer. Nach dem Ausscheiden Halskes wurde das Londoner Geschäft 1865 neu geordnet und unter dem Namen „Siemens Brothers“ weitergeführt.
Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit machte sich Karl Wilhelm Siemens, der sich bald Charles William nannte, auch durch wissenschaftliche Forschungen, Publikationen sowie durch seine Verbandstätigkeit bekannt. Durch die Heirat mit der Engländerin Anne Gordon nahm er 1859 die britische Staatsbürgerschaft an. Zu seinen Verdiensten gehört das erste dauerhaft funktionstechnische Telegraphenkabel. Für seine Leistungen wurde er 1862 zum Mitglied der Royal Society gewählt und erhielt mehrere Ehrendoktorwürden. Wenige Monate vor seinem Tod im November 1883 wurde er von der englischen Königin Victoria in den Adelsstand erhoben.

Die Siemens-Medaillen, exzellente Prägekunst

Viele der zahlreichen Preismedaillen, die Karl Wilhelm Siemens für seine Forschung häufig sogar in ihrer höchsten – goldenen - Verleihungsstufe zwischen 1850 und 1875 erhielt, zählen zu den renommiertesten ihrer Art. Die Bedeutung dieses einzigartigen Konvoluts zeigt sich auch in der raffinierten künstlerischen Ausführung der Medaillen, die von den bekanntesten Medaillenkünstlern ihrer Zeit geschaffen worden. In Qualität und Material sind sie außerordentlich hochwertig und somit ein eindrucksvolles Beispiel der Medaillenkunst und der Prägetechnik des 19. Jahrhunderts. Acht der insgesamt fünfzehn Preismedaillen und Ehrenzeichen sind aus Gold, fünf wurden persönlich an Sir William Siemens verliehen und in einem mit Samt ausgeschlagenen Lederkästchen in Ehren gehalten, zehn weitere Exemplare stehen in engem Zusammenhang mit der Firma der Gebrüder Siemens. Nur einige der bedeutendsten Medaillen sollen hier kurz hervogehoben werden. Besonderen Wert legte der Ausgezeichnete auf die im Mai 1850 verliehene Medaille der Society of Arts and Commerce. War sie doch die erste Goldmedaille, die seine Arbeiten würdigte. Sie geht zurück auf eine bereits 1820 gefertigte Prägung von William Wyon (1795-1851), wohl einem der bedeutendsten britischen Medaillenkünstler. Auf der Medaille im klassizistischen Stil sind Köpfe der Götter Minerva und Merkur zu sehen. Ein weiteres Werk desselben Künstlers ist die vergoldete silberne Thomas Telford-Medaille der Institution of Civil Engineers. Charles William erhielt sie 1853 für einen Vortrag über Erkenntnisse zur Thermo-Dynamik.
Als höchste Ehrung der Royal Academy of Arts erhielt Charles William 1874 die Albert-Medaille. Sie wurde nur einmal jährlich für außergewöhnliche Beiträge zur Förderung von Kunst, Manufakturen und Wirtschaft vergeben. Entworfen hatte sie Leonard Charles Wyon (1826-1891), ein Sohn William Wyons, der wie sein Vater Meistergraveur an der Königlichen Münze war. Auf der Vorderseite ist das Portrait des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha sowie des 1861 verstorbenen Präsidenten der Gesellschaft dargestellt. Die Rückseite zeigt Personifikationen von Kunst, Industrie und Handel. Eine weitere Arbeit Leonard Charles Wyons ist die Goldmedaille der International Inventions Exhibition von 1885 mit dem Kopf der Königin Victoria und Personifizierungen von Erfindung und Musik.
1857 erhielt William Siemens für seine Verdienste in der Eisen- und Stahlindustrie von dem Iron and Steel Institute, dessen Gründungsmitglied er war, die goldene Bessemer-Medaille. Stempelschneider war John Pinches (1824-1905), der an der Königlichen Münzstätte unter William Wyon arbeitete. Es ist eine der persönlich an Sir William verliehenen Medaillen mit Namenszug des Geehrten.
Siemens besaß seit 1861 ein Patent für Gasöfen zur Stahlfabrikation. In Zusammenarbeit mit dem französischen Stahlfabrikanten Martin entstand ein revolutionäres Verfahren zur Stahlherstellung. In der Pariser Weltausstellung 1867 erhielten die Gebrüder Siemens für diese Verdienste eine goldene Preismedaille. Sie zeigt ein Kopfporträt Kaiser Napoleon III. und stammt von einem der führenden französischen Medailleure, Hubert Ponscarme (1827-1903).

Kostbare Realien zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

Die Medaillensammlung aus der Industriellenfamilie Siemens markiert eine signifikante Phase der Entwicklung der international agierenden Firma. Sie beleuchtet nicht nur die wissenschaftliche und technische Entwicklung im Zeitalter der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, sondern zeigt den europäischen Erfindergeist mit internationaler Vernetzung. Diese einzigartigen Zeugnisse des Industriezeitalters sind besonders rar, da viele solcher hohen Auszeichnungen für Wissenschaftler, Künstler und Industrielle durch Kriegsereignisse verloren gegangen sind.
Die prächtigen Erinnerungsstücke können zukünftig mit ihren Original-Verleihungsetuis in der Sammlung des Deutschen Historischen Museum bewundert werden. Aufgrund ihres Seltenheitswert und ihrer Schönheit sind die Medaillen eine ganz besondere Bereicherung für das Museum und sollen im historischen Kontext die Leistungen und Innovationskraft der deutschen Industrie illustrieren.

Stella Theresa Jaeger